Die Reise nach Kurdistan aus feministischer Perspektive betrachtet

Revolution – Frauenrevolution – das klingt so gut, so wichtig und so groß. Und so war es aufregend zu wissen, dass wir an Orte fahren werden, von denen wir vorher nur hörten oder lasen.

Wissbegierig waren wir zu sehen, ob das alle “tatsächlich” so ist wie berichtet, was es mit uns macht, wo die Hürden sind und woraus die Stärke erwächst ein alternatives System in widrigen Zeiten unter widrigen Bedingungen aufzubauen, zu entwickeln und zu erhalten.

Ungeplant war, dass wir in Mexmûr landen – ursprünglich war Südkurdistan, Başûr, der Nordirak nur als “Durchgangsstation” vorgesehen auf dem Weg nach Rojava, in die Demokratische Föderation Nordsyrien.
Nach intensiver Enttäuschung über die Einreiseverweigerung – wir hatten uns dort verabredet, wollten Freundinnen treffen, mit der Jineolojî diskutieren, den Frauenräten, eine feministische Diskussion unter Internationalist*innen führen – tat sich die Option Mexmûr auf – das Beste, was uns passieren konnte.

Als Frauen lebten wir dort in der Akademie, in der auch Jineolojî gelehrt wird und aus der Wissen und Lehrmethoden u.a. in das Şengal-Gebirge und nach Rojava “exportiert” werden. Unser Kurdischlehrer führte uns literarisch an die Sprache heran und wir lernten unter anderem, dass im Kurdischen alles tote männlich und alles lebendige weiblich ist.
Wir gingen mit den jungen Frauen in einem kleinen Freibad mitten in der Wüste schwimmen und fühlten uns trotz Sprachbarrieren und Altersunterschieden als Teil eines selbstbewussten und solidarischen Kollektivs.

In Mexmûr – in den zahlreichen Interviews die wir führten – wurde uns in jedem einzelnen klar, dass die Arbeiten und das Zusammenleben hier auf der Basis einer weitreichenden Patriarchatsanalyse fußen. Die Erkenntnis Geschlechterbefreiung als Aufbruch zur Befreiung Aller zu setzen, ist tief verankert in den Strukturen, mit denen wir Tag für Tag zusammen saßen.
Das mündet nicht in “paradiesischen Zuständen”, in denen ein Zurücklehnen möglich wäre. Denn auch Mexmûr ist existenziell bedroht, immer wieder Angriffen von unterschiedlichen Fronten ausgesetzt, sei es der IS, sei es die KDP, sei es die Türkei. Aber die Bevölkerung hat eine Stärke und einen unendlichen Mut und Lebenswillen fund bringt all dies in jede kleinste Arbeit für die Gemeinschaft mit ein.

Dazu gibt es noch immer feudales Denken, sind Geschlechterrollen nicht aufgehoben, doch wir konnten die Fortschritte sehen und verstehen und nehmen eine große Hoffnung mit zurück in unsere Kämpfe hier in Deutschland.
Im letzten Jahr haben wir als “Gemeinsam kämpfen” in Workshops in Deutschland und der Schweiz immer wieder mit anderen FLTI* (Frauen, Lesben, Trans*- und Inter*-Menschen) , aber auch in gemischten Runden über die Notwendigkeit autonomer feministischer/Frauen*-Organisierung gesprochen – was die Mädchen und Frauen in Mexmûr geschafft haben ist, dass die Notwendigkeit nicht mehr in Frage gestellt wird und sie immer weiter in die gesellschaftlichen Verhältnisse hineinwirken können – z.B. mit der Abschaffung der Vielehe. Sie erleben immer wieder in der alltäglichen Praxis, dass die autonome Organisierung sie und das gesamte Zusammenleben stärken und wirklich revolutionäres Potential freisetzen kann, welches eine gelebte Alternative Schritt für Schritt erwachsen lässt.

Und nur so konnte Mexmûr entstehen und überleben, nur so kann es sich weiter entwickeln; weil die solidarische Kraft der Frauen* existent ist und ausstrahlt. Das haben sie uns vorraus bzw. damit zeigen sie uns auf, was wir verloren haben – autonome Organisierung als Kraft zu verstehen und nicht als undankbare Mühen oder Konkurrenz zum gemeinsamen Widerstand mit den Genossen.

Auch wir als Reisegruppe müssen uns selbstkritisch fragen – inwiefern hatten wir auf dem Schirm, dass “Patriarchat” und “Eurozentrismus” “ein Teil unserer Gruppe” sein werden, dass all das, was uns ein Leben lang geprägt hat, dort auch seinen Ausdruck finden wird – gerade weil wir uns in einer Ausnahmesituation befanden? Denn all diese Erfahrungen sind nicht aufgehoben, nur weil wir an einem Ort sind, der sich nach dem Modell des Demokratischen Konföderalismus selbst verwaltet; den IS ums Eck, die Hashdi al-Shabi Milizen, eine uns feindlich gesinnte KPD – unter diesen Strukturen leiden alle, aber wie so oft in Kriegen und Auseinandersetzungen wird ein Großteil dieser auf dem Rücken von Frauen* ausgetragen.
Und das macht etwas mit uns: Wir gehen anders durch die Straßen als unsere Genossen, haben vielleicht andere Ängste, uns nicht selber sprachlich ausdrücken zu können fordert einige von uns. Wo fallen wir in der Auseinandersetzung damit in patriarchale, wo in eurozentristische Muster – all das das sind Fragen, in die wir nicht genug vorgedrungen sind.

Was wir mitnehmen, sind die Stärke der Ideologie, des Ausdrucks, die wir dort – an diesem Unort, den sich die Menschen so lebenswert gestaltet haben – bei vielen Frauen (und auch Männern) gesehen haben. Die vielen Einrichtungen der Frauen und Mädchen, den gelebten Widerspruch, der z.B. sichtbar wurde in der Selbstverständlichkeit der Tochter, die zur Guerilla gegangen ist und der Mutter, die sich um Kinder und Haushalt kümmert. Die Erkenntnis, dass die Gewalt ein Ende haben kann und wird, wenn alle im Kollektiv Verantwortung übernehmen für das Handeln der und des einzelnen.

Danke dafür und Serkeftin!

 

Ergänzung aus kurdischer Perspektive:

Es gibt auch sehr viele Kurd*innen – inklusive mir – die noch nicht in Rojava waren und das neue Paradigma des Demokratischen Konföderalismus noch nicht in der Praxis erlebt haben. In Mexmûr konnte ich als Kurdin zum ersten Mal sehen wie Demokratischer Konföderalismus funktioniert oder das Paradigma der kurdischen Bewegung eingesetzt wird. Mexmûr ist ein kleiner Ort, an dem es einen ganz anderen Lebensstil gibt als in Erbil, Dohuk usw.

In Mexmûr fühlte ich mich sicherer und fühlte mich besser, vertrauter. Ich konnte mich als Kurdin mit den Menschen identifizieren. Manchmal war ich traurig, manchmal war ich glücklich darüber, was die Menschen in Mexmûr durchlebt haben. Mit soviel Kraft, soviel Mut ihre Lebensperspektive erschaffen haben ohne fremde Hilfe. Wenn wir von Revolution reden, wenn wir von Widerstand reden, dann sollten wir uns als privilegierte Menschen – egal, ob wir als Kurden in der Diaspora leben oder als Deutsche – Mexmûr als Vorbild nehmen. Dort zeigten uns die Menschen was für eine Kraft sie haben. Sie hätten auch in Nordkurdistan bleiben oder nach Europa gehen und sich ein anderes Leben aufbauen können. Sie haben sich trotz aller Sanktionen und Unterdrückung, die vom türkischen Staat oder der KDP angewendet werden, nicht unterkriegen lassen.
Wir konnten dort sehen, unter welchen Schwierigkeiten sie ihr Leben aus eigener Kraft aufgebaut haben. Wie kollektiv sie miteinander leben. Wir als Gäste wurden von allen sehr herzlich empfangen. Sie luden uns zu sich nach Hause zum Essen ein oder schenkten uns Kleinigkeiten als Andenken, um sie mit zurück in die BRD zu nehmen. Ein Ort in der Wüste.

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    Die Broschüre kann über den online-Versand Black Mosquito für 10,00 Euro bestellt werden. Der gesamte Erlös fließt in die Krankenwagen-Kampagne.